Wie sie brechen
ESG wird auf etwa 620–650 °C erhitzt und schlagartig abgekühlt. Die Oberfläche steht danach unter Druckspannung, der Kern unter Zugspannung. Deshalb ist es auf Biegung bis zu dreimal fester als normales Floatglas und verträgt deutlich größere Temperaturunterschiede. Bricht es, zerfällt die ganze Scheibe in Tausende kleiner Krümel. Scharfe Splitter gibt es nicht, aber auch keine Scheibe mehr: Die Öffnung ist frei. Nach dem Vorspannen wird nichts mehr geschnitten oder gebohrt; alle Bohrungen und Ausschnitte entstehen vorher.
VSG besteht aus zwei oder mehr Scheiben, die mit einer Folie verbunden sind, meist PVB. Die Bezeichnung 4.4.2 bedeutet zwei Scheiben zu 4 mm und zwei Folienlagen zu je 0,38 mm. Bricht es, haften die Bruchstücke an der Folie, die Scheibe bleibt im Rahmen und verschließt die Öffnung noch eine Zeit lang. Die Folie hält außerdem fast die gesamte UV-Strahlung zurück. VSG aus normalem Floatglas lässt sich zuschneiden, VSG aus ESG nicht.
Klassen nach EN 12600
Die Norm prüft mit dem Pendelschlag. Das Pendel trifft aus drei Fallhöhen auf die Scheibe: 190, 450 und 1200 mm, das ergibt die Klassen 3, 2 und 1. Das Ergebnis wird als α(β)φ angegeben. Die erste Ziffer ist die höchste Klasse, bei der das Glas bestanden hat (nicht gebrochen oder sicher gebrochen), in der Klammer steht die Bruchart, die letzte Ziffer ist die höchste Klasse, bei der es überhaupt nicht gebrochen ist.
- A: Bruch wie bei normalem Glas, große scharfe Bruchstücke.
- B: Bruch von VSG, das Glas bricht, bleibt aber an der Folie haften.
- C: Bruch von ESG, kleine Krümel.
Typische Einstufungen: ESG 6 mm 1(C)1, VSG 4.4.2 1(B)1, VSG 6.6.2 1(B)1. Die genaue Klasse eines bestimmten Glases steht im Prüfbericht des Herstellers, nicht im Katalog.
Was wohin gehört
Anprall eines Menschen (Türen, Trennwände, Duschkabinen, bodentiefe Verglasung): ESG.
Absturz durch die Scheibe oder herabfallendes Glas (Geländer, Oberlichter, Vordächer, Überkopfverglasung): VSG. Eine gebrochene Scheibe muss oben und im Rahmen bleiben. ESG würde als Krümelregen herunterfallen.
Einbruch: VSG, und zwar dickeres. ESG lässt sich mit einem Hammerschlag zerstören, und der Weg ist frei. VSG kostet Zeit, macht Lärm und erfordert viele Schläge. Die Einbruchhemmung wird nach EN 356 geprüft (Klassen P1A bis P8B); für ein Wohnhaus wird meist P4A oder höher verlangt. ESG hilft hier nicht.
Thermische Belastung (teilweise verschattete Scheiben, Glas nahe am Heizkörper, dunkle Gläser in der Sonne): ESG oder mindestens TVG. Normales Floatglas und VSG aus Floatglas brechen schon bei Temperaturunterschieden von einigen zehn Grad.
| Anwendung | Empfehlung | Grund |
|---|---|---|
| Duschkabine, Glastür | ESG 8–10 mm | Körperanprall, Bruch in kleine Krümel |
| Balkongeländer, Treppe | VSG aus ESG (8.8.4, 10.10.4) | Bleibt nach dem Bruch im Rahmen |
| Vordach, Oberlicht | VSG, möglichst aus TVG | Darf nicht auf Menschen fallen |
| Schaufenster, Erdgeschoss zur Straße | VSG P4A oder höher | Einbruch |
| Brüstung in der Fassade, dunkles Glas | ESG mit Heat-Soak-Test | Thermische Belastung, Sonne |
| Bodentiefe Verglasung in der Wohnung | ESG oder 4.4.2 | Anprall; VSG, wenn dahinter Absturzgefahr besteht |
Wenn beides nötig ist
VSG aus ESG ist ein Verbund aus zwei vorgespannten Scheiben. Es trägt wie ESG und hält nach dem Bruch zusammen wie VSG. Das ist Standard für rahmenlose Geländer, Vordächer und lastabtragendes Glas.
Ein Haken: Brechen beide ESG-Scheiben, bleibt ein Sack voller Krümel an einer Folie, die sich durchbiegt. Deshalb wird für Überkopfverglasungen häufiger VSG aus teilvorgespanntem Glas (TVG) verlangt. TVG bricht in große Stücke, die sich gegenseitig verkeilen, und die Scheibe bleibt steif. Die Tragfähigkeit ist geringer als bei ESG, die Resttragfähigkeit nach dem Bruch aber besser.
Ein zweiter Haken bei ESG: Spontanbruch durch Nickelsulfid-Einschlüsse im Glas. Selten, aber es kommt vor. Steht das Glas über Menschen oder in der Fassade, wird ein Heat-Soak-Test nach EN 14179 verlangt. Er bringt die meisten dieser Scheiben im Ofen zum Bruch und nicht erst am Bau.